Wenn eine Mensa mehr kann als Mittagessen
Clara Dittenbach und Antonia Gremel zeigen am Beispiel der HLW Biedermannsdorf, wie aus einem funktionalen Nebenraum ein vielseitiger Ort im Schulalltag werden kann.
Lesedauer: 6 Minuten
Text: ÖIAV Redaktion | Abbildungen: Clara Dittenbach & Antonia Gremel
Da stehen Tische, Stühle, eine Essensausgabe, vielleicht ein Beamer. Ein Speisesaal eben. Funktional, robust, jeden Tag im Einsatz. Und trotzdem ist genau so ein Raum oft mehr als die Summe seiner Möbel: Er ist Pausenraum, Treffpunkt, Ausweichklassenzimmer, Veranstaltungsort, Prüfungsraum – und manchmal auch jener Ort, an dem der Schulalltag für ein paar Minuten innehält.
Für genau diesen Raum haben Clara Dittenbach und Antonia Gremel in ihrer Diplomarbeit „auf den GESCHMACK gekommen“ ein neues innenarchitektonisches Konzept entwickelt. Nicht als reine Verschönerung, nicht als Möbeltausch, sondern als Planung, die den Alltag einer Schule ernst nimmt.
Ausgezeichnet wurde die Arbeit mit dem INA Architekturpreis 2025.
Foto © Fanni Bodnar
Ein Raum mit vielen Aufgaben
Die HLW Biedermannsdorf ist in einem historisch gewachsenen Gebäude untergebracht. Das ehemalige Borromäum entwickelte sich vom barocken Landschloss über ein Waisenhaus mit Schule zur heutigen Höheren Lehranstalt für wirtschaftliche Berufe. Der Speisesaal liegt im Erdgeschoss und soll Platz für bis zu 120 Personen bieten.
Die Bestandsaufnahme zeigt einen Raum, der grundsätzlich funktioniert, aber wenig aus seinen Möglichkeiten macht. Die Möbel sind robust, teils abgenutzt. Die Atmosphäre ist freundlich, aber schlicht. Technisch ist der Raum mit Beamer und Lautsprecheranlage auch für Vorträge und Schulveranstaltungen nutzbar. Gleichzeitig zeigen sich klare Verbesserungspotenziale: Akustik, Möblierung, Beleuchtung, Materialwahl und Aufenthaltsqualität.
Man kennt solche Räume. Sie sind nie ganz falsch, aber selten richtig gut. Sie erfüllen ihren Zweck, bis man genauer hinschaut und merkt: Hier könnte viel mehr passieren.
Vom Speisesaal zum Schulraum
Der Entwurf setzt bei den Menschen an, die den Raum täglich nutzen: Schüler:innen, Lehrkräfte, Küchen- und Servicepersonal, technisches Personal und Gäste. Für die einen braucht es angenehme Aufenthaltsbereiche, für die anderen funktionale Abläufe, Stauraum, Reinigungstauglichkeit, Präsentationstechnik oder Bewegungsfreiheit.
Daraus entsteht ein Konzept, das den Raum nicht auf eine einzige Nutzung festlegt. Der Speisesaal bleibt Speisesaal, kann aber mehr: Mittagessen, Stehempfang, Prüfungssituation, Theorieunterricht, Veranstaltung. Die Arbeit denkt den Raum als veränderbares System.
Ein zentrales Mittel ist die Zonierung. Unterschiedliche Bereiche werden nicht hart voneinander getrennt, sondern atmosphärisch und funktional gegliedert: Eingangs-Sitznischen, Barbereich, Küchenzeile, Raumteiler, Sitzbankreihen und Fenster-Sitznischen. Der Raum soll offen bleiben und trotzdem Struktur bekommen.
Der Raumteiler als Werkzeug
Besonders prägend ist das raumtrennende Element in der Mitte. Es gliedert den Speisesaal in zwei Bereiche, ohne ihn vollständig zu schließen. In die Konstruktion ist ein Akustikvorhang integriert, der bei Bedarf ausgezogen werden kann. Im geöffneten Zustand verschwindet er unauffällig hinter der Holzverkleidung.
Damit wird aus einem großen Raum ein flexibles Werkzeug. Wird der Vorhang geschlossen, kann ein Teilbereich akustisch getrennt und etwa für fachpraktischen Unterricht genutzt werden. Wird er geöffnet, steht wieder der gesamte Speisesaal zur Verfügung.
Das ist keine spektakuläre Geste, aber eine sehr sinnvolle. Gerade Schulräume müssen oft mehr leisten, als ihre ursprüngliche Widmung vermuten lässt. Flexibilität ist hier kein Schlagwort, sondern eine konkrete räumliche Notwendigkeit.
Möbel, Akustik und Atmosphäre
Auch die Möblierung folgt diesem Gedanken. Tische und Bänke sollen nicht bloß herumstehen, sondern mit dem Raum arbeiten. Ein Beispiel sind höhenverstellbare Bankplatten: in Sitzhöhe als Bank, auf 75 Zentimeter mit Barhockern, auf 110 Zentimeter als Stehtisch. Für Stehempfänge sind mobile Stehtische vorgesehen, für Prüfungssituationen lässt sich der Raum in kleinere Bereiche mit klaren Wegen und Abläufen gliedern.
Ebenso wichtig ist die Akustik. Wer schon einmal in einer vollen Schulmensa gesessen ist, weiß: Lärm ist kein Detail. Die Arbeit setzt daher auf Holzlamellen, Akustikvorhang, Raumteiler und gepolsterte Sitzbereiche. Es geht nicht um Stille. Eine Mensa darf lebendig sein. Aber sie muss aushaltbar bleiben.
Auffällig ist auch das Farbkonzept. Natürliche Grüntöne, warme Gelbnuancen, Petrol, Preußischblau und helle Grundtöne bilden die gestalterische Basis. Der Fensterbereich wird in einem warmen Gelbton gedacht, der das einfallende Licht reflektiert und den Raum heller wirken lässt. Holzlamellen aus Eiche bringen Wärme in die Raumstruktur.
Nachhaltigkeit im Innenausbau
Nachhaltigkeit wird in der Arbeit nicht als einzelnes Materialthema behandelt, sondern als Zusammenspiel aus Nutzung, Langlebigkeit, Materialwahl und Anpassungsfähigkeit. Die Autorinnen beziehen sich unter anderem auf Thesen von Werner Sobek und leiten daraus für ihr Projekt Punkte wie ressourcenschonende Materialien, Kreislaufwirtschaft, modulare und wiederverwendbare Möbel sowie energieeffiziente Lichtplanung ab.
Für den Boden ist Linoleum vorgesehen, konkret in mehreren Farbtönen und mit Blick auf hohe Beanspruchung. Wandfarben von KEIM, Eichenholz für Wand- und Deckenverkleidungen, wasserbasierte Lacke, robuste Oberflächen und pflegeleichte Materialien bilden die materielle Grundlage des Entwurfs.
Die Arbeit behauptet nicht, dass ein neuer Speisesaal allein die Welt rettet. Sie zeigt vielmehr, wie viele Entscheidungen im Innenausbau zusammenwirken: ein Boden, der lange hält. Möbel, die mehrere Nutzungen erlauben. Oberflächen, die gereinigt und gewartet werden können. Elemente, die nicht nur schön sind, sondern im Alltag bestehen.
Planung beginnt selten unter Idealbedingungen
Ein interessanter Teil der Arbeit ist die sogenannte „Light-Version“. Sie geht davon aus, dass eine Umsetzung möglicherweise unter begrenztem Budget erfolgen muss. Statt den Entwurf daran scheitern zu lassen, entwickeln Dittenbach und Gremel eine reduzierte Variante: bestehender Boden bleibt erhalten oder wird überdeckt, die Decke wird nicht vollständig neu abgehängt, Akustikmaßnahmen werden punktuell gesetzt, vorhandene Möbel könnten aufbereitet werden.
Gerade dieser Abschnitt macht die Arbeit realistisch. Viele gute Schulbauideen scheitern nicht an der Gestaltung, sondern am Budget, an Bauabläufen, Zuständigkeiten oder fehlenden Bestandsdaten. Auch die Haustechnik war in diesem Projekt ein Thema: Belastbare HKLS-Unterlagen waren laut Arbeit nicht verfügbar, wodurch technische Aspekte nur eingeschränkt einbezogen werden konnten.
Das ist kein Makel, sondern Teil der Wirklichkeit im Bestand. Planung beginnt oft nicht mit idealen Bedingungen, sondern mit Lücken, Umwegen und nachträglichen Skizzen.
Vom Entwurf bis zum Detail
Die Arbeit bleibt nicht auf der Ebene schöner Visualisierungen stehen. Sie führt den Entwurf über Möblierungspläne, Ausführungsplanung und Detailplanung weiter. Für einzelne Bereiche – Eingangs-Sitznischen, Bar, Küchenzeile, Raumteiler, Sitzbankreihen und Fenster-Sitznischen – wurden Detailzeichnungen bis in den Maßstab 1:2 erstellt. Ergänzt wird das Projekt durch ein physisches Modell im Maßstab 1:50.
Ein Raum, der Schule ernst nimmt
„auf den GESCHMACK gekommen“ ist keine Arbeit über eine spektakuläre neue Architektur. Es geht nicht um große Geste, nicht um ikonische Form. Es geht um einen alltäglichen Raum, der sorgfältig gelesen und neu organisiert wird.
Gerade darin liegt der Wert des Projekts. Schulmensen sind oft Nebenräume im planerischen Bewusstsein, obwohl sie im Alltag zentrale Orte sind. Hier treffen sich Jahrgänge, hier wird gegessen, gelernt, geprüft, gewartet, geredet, gefeiert. Wer diesen Raum verbessert, verbessert nicht nur eine Möblierung, sondern ein Stück Schulkultur.
Die Arbeit von Clara Dittenbach und Antonia Gremel zeigt, wie viel Innenarchitektur leisten kann, wenn sie genau hinsieht: auf Abläufe, Materialien, Akustik, Licht, Reinigung, Budget und Atmosphäre. Aus einem Speisesaal wird im Entwurf ein flexibler, freundlicher und belastbarer Raum. Nicht lauter als nötig. Nicht größer als vorhanden. Aber deutlich besser gedacht.
Die vollständige Diplomarbeit „auf den GESCHMACK gekommen“ von Clara Dittenbach und Antonia Gremel steht hier zum Download bereit.










