Geschichte der Baustatik.
Auf der Suche nach dem Gleichgewicht.

Eine Buchrezension von Herbert A. MANG

Lesedauer: 6 Minuten

Text: Em.O.Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Dr.techn. Dr.h.c.mult. Herbert A. MANG, Ph.D.

K.-E. Kurrer: Geschichte der Baustatik. Auf der Suche nach dem Gleichgewicht. 3., wesentlich überarbeitete und erweiterte Auflage. Berlin: Ernst & Sohn (Wiley), 2025.

Das umfangreiche Werk mit rund 1.400 Seiten zeichnet die Entwicklung der Baustatik von ihren historischen Anfängen bis zur heutigen computerbasierten Tragwerksanalyse nach. Es richtet sich an alle, die sich vertieft mit den Grundlagen, Methoden und Zusammenhängen des Bauingenieurwesens beschäftigen wollen – von der Geschichte bis zur Gegenwart. Erhältlich ist das Buch direkt beim Verlag sowie im Fachbuchhandel.

Prof. E. Ramm ist beizupflichten, wenn er dieses Buch in seinem Geleitwort als Glücksfall bezeichnet. Zu Recht spricht er in diesem Zusammenhang von einem opus magnum. Dr. Kurrers Buch ist mehr als das! Es ist ein opus mirabile, ein in jeder Hinsicht wunderbares Werk. Das liegt an der umfassenden, von hoher Sachkenntnis des Autors geprägten, tiefgründigen und inhaltlich wie sprachlich beeindruckenden Darstellung des Gegenstandes, der ausgezeichneten Gliederung des Inhalts und dem reichhaltigen und qualitativ hochwertigen Bildmaterial. Die Fülle des Gebotenen steht im Einklang mit dessen hervorragender Qualität. Besonders wertvoll ist die reichhaltige Bibliographie, an die sich ein umfangreiches Personen- und Sachregister anschließt.

Das Buch weist 15 Kapitel auf. In Kapitel 1 werden Aufgaben und Ziele der Historiografie der Baustatik beschrieben. Kapitel 2 beschäftigt sich mit dem Lernen aus der gegenstandsbezogenen Geschichte anhand von zwölf Einführungsvorträgen in die Baustatik. Kapitel 3 handelt von der Baustatik und der Technischen Mechanik als den ersten technikwissenschaftlichen Grundlagendisziplinen. Kapitel 4 trägt den Titel Vom Gewölbe zum Bogen. Kapitel 5 ist der Geschichte der Erddrucktheorie gewidmet. In Kapitel 6 werden die Anfänge der Baustatik beschrieben. Kapitel 7 handelt von der Disziplinbildungsperiode der Baustatik. In Kapitel 8 wird die Entwicklung vom Eisenbau zum modernen Stahlbau erläutert. Im Kapitel 9 geht es um die Eroberung der dritten Dimension in Form des Raumfachwerks. Kapitel 10 beleuchtet den Einfluss des Stahlbetonbaus auf die Baustatik. Kapitel 11 handelt von der Konsolidierungsphase der Baustatik. Die Herausbildung und Etablierung der Computerstatik ist das Thema von Kapitel 12. In Kapitel 13 werden 13 wissenschaftliche Kontroversen in der Mechanik und Baustatik kritisch betrachtet. Kapitel 14 ist den Perspektiven der Historischen Baustatik gewidmet. Kapitel 15 enthält Kurzbiographien von 270 Protagonisten der Baustatik.

Gegenüber der 2. Deutschen Auflage ist in Kapitel 7 eine Darstellung der Entstehungsgeschichte der Berechnung von Verformungen statisch unbestimmter Stabsysteme hinzugekommen. Darüber hinaus wurden die Kapitel über Stahlbau (Kapitel 8) und Stahlbeton (Kapitel 10) aktualisiert. In Kapitel 11 wurden die Ausführungen über das Deformationsverfahren, das für die Finite Elemente Methode von grundlegender Bedeutung ist, vertieft. Historisch-logische Quellen der Computerstatik, ihre Herausbildung und Etablierung werden in Kapitel 12 ausführlich dargestellt. Die Zahl der Kurzbiographien von Protagonisten der Baustatik und Strukturmechanik wurde von 243 auf 270 erhöht. Der Schwerpunkt lag dabei auf Vertretern moderner numerischer Ingenieurmethoden der Strukturmechanik.

Em.O.Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Dr.techn. Dr.h.c.mult. Herbert A. MANG, Ph.D. ist emeritierter Universitätsprofessor für Elasitizäts- und Festigkeitslehre an der Technischen Universität Wien. Er zählt zu den prägenden Persönlichkeiten der österreichischen Strukturmechanik. Er hat das Fach über Jahrzehnte in Forschung und Lehre maßgeblich mitgestaltet. Seine Arbeiten verbinden klassische ingenieurwissenschaftliche Grundlagen mit modernen Entwicklungen der Tragwerksmechanik.
Foto (c) TU Wien

Als Bauingenieur in dritter Generation verstärken Dr. Kurrers Ausführungen in einigen der zwölf Einführungsvorträge in die Baustatik das Verständnis für großväterliche Aussagen über bestimmte Inhalte der Baustatiklehre an der damaligen Technischen Hochschule Wien gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Sie betreffen unter Anderem den hohen Stellenwert graphischer Methoden der Baustatik und die damals statisch unbestimmten Systemen entgegengebrachte Reserviertheit. In Erinnerung geblieben ist auch die Erzählung des Vaters vom Gelehrtenstreit seines Chefs, P. Fillunger, Professor für Technische Mechanik an der Technischen Hochschule Wien, mit K. von Terzaghi, Professor für Grund- und Wasserbau dortselbst. Dr. Kurrers Buch enthält eine Abbildung des Titelblatts einer von Prof. Fillunger verfassten, mit Erdbaumechanik? bezeichneten polemischen Schrift. Das tragische Ende des Gelehrtenstreits bleibt in Dr. Kurrers Werk ebenso wenig unerwähnt, wie Fillungers Verdienst der Begründung der modernen Theorie flüssigkeitsgesättigter poröser Medien. Nicht ohne Stolz liest man als Österreicher die Kurzbiographien von Ernst Chwalla, Karl Girkmann und Ernst Melan. Chwalla verfasste bahnbrechende Beiträge zur Stabilitätstheorie. Mit nur 28 Jahren erhielt er den Ruf auf den Lehrstuhl für Baustatik der Deutschen Technischen Hochschule Brünn. Damals war es üblich, dass Universitätsprofessoren die Staatsbürgerschaft des Landes ihrer beruflichen Wirkungsstätte erhielten. Aufgrund seines jugendlichen Alters lief Chwalla Gefahr, zum Wehrdienst in der tschechoslowakischen Armee eingezogen zu werden. Es bedurfte diplomatischer Anstrengungen seitens Österreichs, um ihn davon zu befreien. Karl Girkmann und Ernst Melan trugen wesentlich zum hohen Ansehen der Fakultät für Bauingenieurwesen und Architektur der damaligen Technischen Hochschule Wien bei. Girkmanns magnum opus, Flächentragwerke, das in mehreren Auflagen und Sprachen erschienen ist, bezeichnet Dr. Kurrer als „Markstein der Erschließung mehrdimensionaler Tragwerke durch die Baustatik“. Ernst Melan ehrt er mit dem Hinweis auf dessen hervorragende Rolle im Paradigmenwechsel von der Elastizitäts- zur Plastizitätstheorie.

Als jüngerer Zeitgenosse hoch angesehener, persönlich bekannter Gelehrter, wie etwa Heinz Duddeck, Wilfried Krätzig und Erwin Stein aus Deutschland, David Billington, Ray Clough und Alex Scordelis aus den USA und Carlos Bebbia aus Großbritannien, freut man sich über die Aufnahme ihrer Kurzbiographien in die erwähnte Liste der Kurzbiographien von 270 Protagonisten der Baustatik. Sie ist durch ein hohes Maß an Internationalität der darin aufscheinenden Gelehrten gekennzeichnet.

Prof. E. Ramm schließt sein Geleitwort mit folgendem Satz: „Die Statik und Dynamik sind mittlerweile zu dem avanciert, was man international als Computational Structural Mechanics, als eine moderne anwendungsbezogene Tragwerksmechanik, bezeichnet.“ Auf S. 792 seines Buches erwähnt Dr. Kurrer das Prinzip von D’Alembert, demzufolge sich bei einer Bewegung die eingeprägten Kräfte und die negativen Massenbeschleunigungen am System das Gleichgewicht in Zukunft halten. Macht man sich dieses Prinzip zu eigen, so lässt sich die Suche nach dem Gleichgewicht auf durch Wind, Erdbeben usw. bewegte Systeme im Rahmen von Computational Structural Mechanics ausdehnen.

Möge Dr. Kurrers Buch in zweierlei Hinsicht großer Erfolg beschieden sein, und zwar erstens als zur Reflexion über eigene Erfahrungen mit der Wissenschaftsdisziplin Baustatik anregendes Werk und zweitens als unentbehrlicher Lehrbehelf für Vorlesungen über die Geschichte der Baustatik an Technischen Universitäten und Fachhochschulen.

K.-E. Kurrer: Geschichte der Baustatik. Auf der Suche nach dem Gleichgewicht. 3., wesentlich überarbeitete und erweiterte Auflage. Berlin: Ernst & Sohn (Wiley), 2025.